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| 14.04.2008 |
Von wegen Klein-Chicago |
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Oer-Erkenschwick. "Früher, da flüsterten die Bewohner der Halluinstraße ihre Adresse hinter vorgehaltener Hand", sagt Marlies Radtke (65). Die tristen Hochhäuser, eine Bausünde aus den 70er Jahren, hatten ihr Image weg. "Klein-Chicago" gehörte noch zu dem Harmloseren, was dem Volksmund einfiel. Abriss forderte die Politik. Wohnen wollte da keiner gerne. Im April 2008, nach einem vier Jahre dauernden und 18,6 Mio Euro teuren Rückbau der Wohnanlage, leben statt 221 nur noch 147 Mietparteien dort. Aber alle mit erhobenem Kopf.
"Wir fühlen uns hier pudelwohl", sagt der ehemalige Briefzusteller Gerd Radtke (69). Mit seiner Frau wohnt er im obersten, vierten Stock auf 80 Quadratmetern. Sie schauen über die Dächer der Stadt bis hin zu den Baumwipfeln im Haardvorland auf der einen und direkt auf das Einkaufzentrum in der City auf der anderen Seite. Bis 2003 wäre dies noch die mittlere Etage gewesen. 6,55 Euro pro qm Miete zahlen sie, inklusive Energie- und Nebenkosten. Am Grünen Weg haben sie zuvor 36 Jahre lang gewohnt. "Das war auch nicht schlecht", sagt Radtke. Doch im Laufe der Jahre sind die alten Nachbarn weggezogen oder gestorben. Jüngere und Menschen aus anderen Kulturkreisen zogen ein. "Da war es nicht mehr so wie früher. Zudem haben wir die Nähe zur Innenstadt gesucht. Jetzt haben wir alles vor der Haustür. Wer weiß, was mit uns in ein paar Jahren ist."
So wie die Radtkes denken viele Ältere. Die neue Wohnanlage Schillerpark der THS-Wohnen hat sich vom städtebaulichen Schandfleck zur Topadresse gewandelt. Leerstände jenseits der 50 Prozent waren bis 2003 gang und gäbe. Heute, wenn die letzten Mieter in diesen Tagen einziehen, gibt es Wartelisten. 20 haben sich fest vormerken lassen. Fast täglich gibt es neue Anfragen. Ein Erfolg, der nicht von ungefähr kommt. Eine Ursache ist der demografische Wandel und die Frage, wie man damit umgeht. Die Wohnungen sind durchweg seniorengerecht. In den Häusern gibt es Aufzüge. Die Nahversorgung liegt keinen Steinwurf weit vor der Haustür. Und wer Hilfe braucht, bekommt sie im benachbarten Seniorenzentrum.
Dennoch ist der kleinteilige, im Stil von Stadtvillen gestaltete Schillerpark, nicht nur etwas für Senioren. Familien und Alleinstehende finden ihren Platz in den 50 bis 98 qm großen Wohnungen. "Bei der Vermietung haben wir auf eine gesunde Mischung geachtet", sagt THS-Sprecher Ralf Radschun. Alte Mieter, die VMW halten wollte, sind geblieben. Andere sind in THS-Häusern im Stadtgebiet untergekommen. Vier Penthaus-Wohnungen, die oben auf den Häusern thronen, sind zwar deutlich teuer, waren aber fast ebenso schnell vergeben wie die anderen Wohnungen. Die liegen fast allesamt um die 6,55 Mieter pro Quadratmeter, inklusive Nebenkosten. Radschun: "Das ist ein günstiger Preis. Stände die Wohnanlage in Köln, würde man so ab neun Euro pro qm Miete nachdenken. Und zwar kalt."
Das Pilotprojekt Schillerpark im Forschungsfeld Stadtumbau West - über sechs Millionen Euro steuerten Bund und Land dazu - hat aber nicht nur das innerstädtische Bild und die Sozialstruktur verändert. Es zeigt auch den Weg der Wohnungswirtschaft der Zukunft. "Einfach Wohnraum zur Verfügung stellen und abwarten - das reicht nicht mehr", sagt Radschun. Man müsse müsse genau schauen, was für wen an welcher Stelle in Frage kommt, um gezielt und marktgerecht in alten Wohnbestand zu investieren. Lage und Sozialstruktur der Siedlungen spielten dabei eine immer größere Rolle, mehr noch als der Preis.
Das sagen auch die Radtkes: "Für uns war wichtig, dass wir alles in der Nähe haben. Auch wenn die Wohnung teurer ist: Wir haben einen Fitsch gemacht." Ihre Tochter wohnt um die Ecke. Und viele aus dem Schillerpark kennen sie aus der Dienstzeit bei der Post.
Nur ein kleines Manko haben sie ausgemacht: Die Hauseingänge seien für Besucher schwer zu finden. Die Hausnummern könnten besser gekennzeichnet sein. Für die Adresse im Schillerpark schämt sich heute doch keiner mehr.
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